Unser Qi Hai Blog

 


Anleitung: 
Ich habe mein „Bohnen-Experiment“ schon häufig in Kursen als didaktisches Hilfsmittel zur besseren Wahrnehmung des Fuß-Punktes Yongquan mit einigen „Aha-Erlebnissen“ angewendet. Doch eigentlich eignet es sich fast noch besser für zuhause und mit längerer Dauer als nur für 1 Stunde.

Äußerst simpel in der Anwendung, aber sehr effektiv:
Man nehme zwei getrocknete Linsen, Erbsen oder Bohnen (in Abhängigkeit von der eigenen Fußform und -haltung und der Höhe des Fußgewölbes) und klebe sich jeweils eine mit Sportler-Tape unter die Fußsohle genau auf den Punkt Yongquan
Sie sollten beim Auftreten und Gehen dauerhaft wahrnehmbar/spürbar, aber natürlich nicht schmerzhaft sein.
Für mindestens die nächste Stunde oder auch mehrere sollte man nun mit diesen kleinen „Punkt-Remindern“ unter den Füßen herumlaufen, sich bewegen, trainieren, den Zehenspitzenstand üben – und dabei darauf achten, dass sich der Körperschwerpunkt immer wieder genau über diesen Punkten ausrichtet, dass man also „im Lot“ über diesen Punkten steht.
Die meisten von uns stehen nämlich zum einen viel zu weit hinten, mit dem Schwerpunkt über den Fersen (was enorm anstrengend und belastend für den Rücken ist). Und oft kippen wir bei der Hebung in den Zehenspitzenstand ab einer bestimmten Höhe unwillkürlich auf die (lateralen) Außenkanten der Füße. Dabei sollte man der Standsicherheit halber versuchen, lieber etwas tiefer zu bleiben und dafür die Ausrichtung über der Mittelachse des Fußes (und über Yongquan) beizubehalten – es steht sich so nicht nur sicherer, sondern auch deutlich länger und beinahe mühelos im Zehenspitzenstand!
Auch das Gehen, Laufen und insbesondere das längere Stehen über Yongquan (bei entspannten Knien) ist auf Dauer spürbar müheloser! Wenn man dies so weit verinnerlicht, dass es zur unbewussten Gewohnheit wird, hat man einen ersten ganz wesentlichen Schritt in Richtung „ressourcenschonender Körperhaltung und Bewegung“ schon erreicht!


– Angesichts der gerade jetzt besonders notwendigen Bodenhaftung und Standsicherheit in allen Lebensbereichen halte ich es für besonders wichtig und effektiv, noch einmal zu Punkt 1 meines letzten Beitrags über das „stehen lernen“ zurückzukehren: Die Füße …

Sie gehören für mich mit zu den wichtigsten grundlegenden „Basics“, zu den primär notwendigen rein körperlichen Ausrichtungen, derer es bedarf, um sich in der Folge ohne Verluste in fortgeschrittene Bewegungenformen, Körperwahrnehmung und in geistige bzw. meditative Aspekte vorzuwagen. – Schließlich macht es keinen Sinn, Wände hochzuziehen, wenn das Fundament nicht fertig ist.

Aus diesem Grund habe ich nicht nur in meiner eigenen weiteren Ausbildung das Tempo zugunsten der Qualität noch einmal gedrosselt und vertiefe noch einmal meine Grundlagen, mit der Feststellung, dass dieser Fortschritt zwar „kleiner“ aber dafür wesentlich und effektiv und damit auch motivierend ist.

Aber auch bei meinen Kursen und Coachings haben derzeit diese Grundlagenbausteine zur Haltung in der Bewegung, die wir gerade zurecht rücken und bewusst machen, ganz viel positive Resonanz und neue Motivation hervorgebracht.

Es gibt kaum etwas, das ich beim Qigong häufiger in Erinnerung bringe als den Stand über Yoangquan und die schwerpunktmäßige mittige Ausrichtung des Körpers. Und es ist immer wieder ein großes „Aha“ zu sehen, wenn ich mein Experiment mit den Bohnen in den Kursen nutze. 

Und gleichzeitig gibt es kaum etwas, das so häufig im „laufenden Betrieb“ verloren geht und vergessen wird, wie die Ausrichtung, Haltung und der Schwerpunkt beim Stehen und Gehen und die Wahrnehmung des Punktes Yongquan als „Kontakt- bzw. Wurzelpunkt“ des Körpers zur Erde.

Wer aber seine Wahrnehmung immer wieder mal auf diesen Punkt richtet – und seine Haltung daran ausrichtet, schafft die Voraussetzung dafür, dass dieses „energetische Einsparpotential“ und diese Bodenhaftung und Standsicherheit zur Selbstverständlichkeit wird und ins Unterbewusstsein übergeht – und hat dann sowohl eine gute Voraussetzung wie auch die Aufmerksamkeit frei für „höhere Ziele“… 

Standsicherheit ist nicht nur beim QiGong, sondern sehr spürbar auch in den Kampfkünsten (spätestens wenn sie fehlt und man dem Boden näher kommt als geplant) aber natürlich auch im „wirklich wahren Leben“ ein großer Vorteil.

In diesem Sinne:  Wer stehen kann, ruht sicher in seiner Mitte.

Was wir gerade erleben ist eine Situation, die unendlich viel Kraft abverlangt.

Und es ist der sprichtwörtliche „Übergang zu etwas Neuem“, die im „Jahr der Ratte“ zu erwartende Erneuerung – und damit verbunden der Abschied von Vielem, was nicht mehr gut für uns ist…

Wir kennen die Situation im Kleinen von bereits erlebten kleinen „Umwälzungen“, etwa, wenn wir umziehen. Plötzlich sind Freunde, auf die man im Umzug fest gezählt hätte, unverhofft nicht mehr da – und dafür sind plötzlich andere Menschen da, mit denen man gar nicht gerechnet hätte… 

So ist es auch jetzt gerade, und das klingt jetzt ein bisschen nach Ansprache vom Bundespräsidenten, aber tatsächlich: In der Krise lernen wir das Beste und das Schlechteste im Menschen kennen – in uns selbst und in anderen. Pötzlich treten Dinge ganz deutlich zu Tage, die vorher gar nicht so sichtbar waren. Aber wir lernen auch neue Fähigkeiten an uns kennen – und alte Werte ganz neu: Solidarität, Hilfsbereitschaft, Verantwortungsgefühl, Geduld, Respekt…

Aber die Krise ist eben auch eine Chance – doch aus ihr kommen wir nur heraus, wenn wir uns auf die Lösung konzentrieren, nicht auf Schuld, auf die Fähigkeiten, nicht die Fehler, auf das was möglich ist, nicht das was gerade schief läuft oder nicht funktioniert. Menschen, die in der Not fokussieren und aus der Krise herausfinden, konzentrieren sich auf Notwendigkeit, Möglichkeit und Machbarkeit und lernen so mit ihren Ressourcen umzugehen. Es ist einb bisschen so, als müsste man als Laufanfänger plötzlich einen Marathon laufen: Um das zu schaffen, das wird jeder Läufer wissen und bestätigen, muss man lernen, seine Kraft weise einzuteilen!

Deshalb ist, glaube ich, gerade das drigend Notwendige gerade jetzt die eigene Balance, aber auch der achtsame Umgang mit Kraft und Ausdauer. 
Das erinnert mich ganz plastisch an eine der grundlegenden Übungen im Taiji, Bagua und Qigong, an die „stehenden Säulen“, daher möchte ich hier eine „Mini-Anleitung“ dazu bzw. zum stehenden Meditieren in Erinnerung rufen bzw. als „Challenge“ in den Raum stellen, eine kleine Möglichkeit, zu eigener Balance und Mitte, aber insbesondere zu neuer innerer Kraft zu finden.

Es geht also nicht darum, einen Marathon zu laufen, sondern im Gegenteil darum zu stehen – lange zu stehen, und sich zu zentrieren – und dennoch wird es darum gehen, sich seine Kraft gut einzuteilen, neue zu finden und zu mobiliseren und möglichst keine zu verschwenden.

Daher gehen wir ganz systematisch und ziemlich pragmatisch vor – bitte zunächst lesen, dann ausprobieren:

1. Wer stehen will, muss auf seine Füße achten!
Stehe möglichst im hüftbreiten Stand, dh.,Hüftgelenke, Knie und Füße stehen genau übereinander und damit die Beine genau parallel. Das ist wichtig! Stehst Du zu eng, wirst Du Kraft darauf verschwenden, auf Dauer die Balance zu halten, stehst Du zu breit, wird (und das ist simple Vektorrechnung und Schwerkraft) der verlängerte Weg der Schwerkraft außerhalb Deiner Mitte Dich auf Dauer „runter ziehen“ und schwer machen. Im hüftweiten Stand aber kannst Du Dein Gewicht auf dem kürzesten Weg in den Boden abgeben. Der leichteste Stand ist somit der hüftweite Stand – und das kannst Du an jeder Bahnhaltestelle, Supermarktkasse o.ä. gerne immer wieder ausprobieren, indem Du die Standweite änderst und vergleichst: Wann stehe ich lange mühelos?

OK, dieser hüftweite Stand ist nur die erste Dimension, was die Füße angeht: Die zweite ist die Fußachse selbst: Stehst Du über dem Fußgewölbe – also über dem vielzitierten Punkt Ni1 (Yongquan)? Überprüfe es, indem Du schaukelst und zur Mitte kommst: Erst auf die Vorderfüße verlagern – das ist auf Dauer anstregend, denn es erfordert Gegenleistung, um nicht zu kippen… Dann auf die Fersen verlagern – und da macht sich ein deutlich spürbarer Zug an der Wirbelsäule nach unten bemerkbar, als hätte man Gewichte aufgeladen, der Rücken wird plötzlich sehr schwer werden – was sich sofort wieder bessert, wenn man wieder zur Mitte hin verlagert, zurück über das Fußgewölbe, und über Yongquan steht. 

Übrigens nicht nur hinsichtlich der Längsachse des Fußes: Sowohl das Einknicken des Fußes zur Mitte hin als auch das Verlagern auf die Außenkante der Füße kostete Kraft, um die Position zu halten! Eine Ausrichtung über der Mittelinie des Fußes aber bringt den Fuß in die tatsächliche Nullstellung, die ohne „Gegenregulierung“ auskommt. Sind die Füße „im Lot“ und muskulär trainiert, ist dies mühelos möglich – und falls es Mühe macht, lohnt es sich, diese „Baustelle“ für die Zukunft einmal genauer zu betrachten…

Schau Dir ruhig Deine Füße mal an – man darf sehr gern nach unten sehen dabei! Stehen sie hüftbreit? Gerade nach vorne ausgerichet, ohne Außenrotation? Liegt Dein Schwerpunkt über dem Fußgewölbe bzw. Yongquan? Dann ist das „Fundament“ fürs Stehen gesetzt. Die Füße sind der Kontakt zu Erde und unser einziger „fester“ Punkt, auf dem wir aufbauen – alles was darüber kommt und auf „schlechten Füßen“ steht, wird nicht lange halten…

2. Getreu dem Motto „von unten nach oben“ gehts jetzt zu den Knien: Sind die locker? Oder durchgedrückt? Was passiert, wenn sie durchgedrückt sind? Eine Haltung mit Hohlkreuz. Löst man die „eingerasteten“ Knie wieder und lässt sie locker, lockert sich auch das Hohlkreuz – und macht eine Haltung „im Lot“ erst möglich, was zu Entspannung führt. Und Entspannung beinhaltet Mühelosigkeit – und die brauchen wir gerade.

3. Weiter gehts nach oben – zur Hüfte. Wir suchen wieder die Nullstellung: Lege Deine Hände flach auf die Leisten und kippe das Becken nach vorne, als wolltest Du sitzend einen Stuhl zum Tisch vorziehen. Wenn Du unter den Händen das Anspannen der Muskeln spürst, hast du die Nullstellung nach vorne verlassen – und vergeudest Kraft, die Du einsparen wolltest. Kippe das Becken wieder nach hinten, bis die Muskelspannung nicht mehr spürbar ist. Wenn Du weiter nach hinten kippst (so als wolltest Du sitzend den Stuhl wieder vom Tisch weg schieben), wirst Du die Spannung auf dem Kreuzbein spüren – auch die ist nicht hilfreich, also zurück zur Mitte. Da, wo nach dem Vor- und Zurückkippen des Beckens weder vorne noch hinten Spannung spürbar ist, ist die gesuchte Nullstellung, die „Energiesparstellung“.

Die 4 bringt Unglück, die überspringen wir mal 😉

5. Vom Becken aus machst Du einen Abstecher zum unteren Dantian, zum Unterbauch. 
Lege Deine Hände beide übereinander auf den Unterbauch und versuche für mindestens 5-6 Atemzüge so tief zu atmen, dass die Atmung bis unter Deine Hände kommt. Das ist tief – und seeeehr langsam. Die Dantian-Atmung ermöglicht es Dir, im Laufe einer Qigong-Übung die Atemfrequenz von „normal“ 12-16 Atemzügen auf ca. 6-8x/Minute zu reduzieren – und dabei nicht nur die gesamte Atemhilfsmuskulatur (Rippen, Zwerchfell…) mit einzubeziehen, sondern vor allem das vollständige Lungenvolumen zu nutzen und zu ventilieren (was der Inbegriff von Prävention für gesunde Lungen ist!), sondern den ganzen Körper durch diese effektive Atmung bestmöglich mit Sauerstoff zu versorgen! Da wir ohne nicht können 😉  lohnt sich das Optimieren dieses Vorgangs…

6. Weiter gehts nach oben: Zum Brustbein. In den „martial arts“ ist die Haltung mit „rundem“ Brustkorb ein weit verbreiteter Anblick – aber nicht nur da: Wer sich aufmerksam umsieht, wird feststellen, dass die allermeisten gerade in der Brustwirbelsäule schon die aufrechte Haltung vermissen lassen und im Alltag die meiste Zeit in der Haltung „einsinken“ – und damit auch hier ihre mittige Haltung aufgeben, aus dem Lot geraten und damit ihre Wirbelsäule einseitig belasten! Diese Abweichung von der physiologischen Haltung bringt gerade in Bezug auf die Brustwirbelsäule die Verspannungen zwischen den Schulterblättern mit sich, die die meisten sehr gut kennen, nur schwer wieder loswerden und sich beim Physiotherapeuten mühsam los-therapieren lassen… Um die BWS und zwangsläufig damit auch die Schultern in eine entspannte und mühelose Stellung zu bringen, suchen wir wieder die Nullstellung: Stell dir vor, auf Deinem Brustbein ist ein „Aufhänger“, an dem Du Dich nach oben ziehen kannst. Indem Du Dein Brustbein hochziehst, fallen die Schultern automatisch seitlich runter und in ihre eigene Nullstellung – so wie auch der Rest der BWS. So als würde man eine „verkantete“ Marionette kurz ausschütteln und wieder locker aufstellen. Brustbein hoch, Schultern fallen lassen, Brustkorb locker, Körperschwerpunkt in der Mitte… 

7. Die höchste Stelle des Körpers, der höchste Akupunkturpunkt und neben Yongquan weiterer wichtiger Bezugspunkt im Qigong und Bagua ist Baihui (Dumai 20). Das ist nicht in der Mitte oben auf dem Kopf, sondern von der Mitte etwas nach hinten versetzt. Man findet den Punkt, wenn man mit den Daumen in seine oberen Ohrspitzen einhakt und die Mittelfinger auf dem Kopf zusammenführt. Da wo die sich treffen, ist  bei geradem Stand die höchste Stelle am Kopf – und eine kleine spürbare „Delle“, die man sich gern bei Kopfspannung massieren kann (und von vielen Orthopäden sehr gern akupunktiert wird, da sie eine beruhigende Wirkung hat). Stelle Dir nun vor, an diesem Punkt knüpft ein Faden an, der Dich stetig sanft nach oben zieht und aufrichtet. Lass diesen Punkt immer wieder nach oben schweben und den gesamen Körper daran aufrichten und zum Himmel ziehen! Vermutlich wirst Du in diesem Moment gefühlt 1-2 cm länger werden und zum Himmel wachsen – und so soll es sein!

8. Jetzt bist Du durch Deinen Körper gegangen und hast die wichtigsten „Energiefresser“ geprüft und „auf Null gestellt“. Es ist, als würdest Du durch Deinen Körper gehen wie durch Deine Wohnung, um in allen Zimmern die Lampen auszuschalten, die nicht benötigt werden. 
So banal das klingt: Im Alltag, in der Wohnung, beim Heizen, beim Autofahren, überall denken wir daran, Energie einzusparen – nur nicht bei uns selbst! Das ist unvernünftig! 
Wenn Du also im Alltag, bei Anstrengung, Stress oder auch nur mitten in Deiner QiGong-Stunde immer wieder mal in Erinnerung rufst „Lichter aus!“ und kurz durch Deinen Körper gehst und checkst, ob irgendwo eine Lampe brennt, die Du nicht brauchst, ein Gelenk blockiert ist, ein Muskel unnötig angespannt ist, dann ist das die effektivste „Energiesparmethode“, die ich kenne: denkbar einfach, verblüffend mühelos und respektvoll. Sinnvoller kann man Körperwahrnehmung nicht einsetzen.

9. Soweit die „Startposition“ – jetzt kommt das „Go!“: Verbinde alle diese Punkte durch Deinen Körper.
Hände liegen weiterhin auf dem Unterbauch.
Mit dem Einatmen den obersten Punkt Baihui noch ein Stückchen zum Himmel ziehen und tief ins Dantian atmen –
mit dem Ausatmen lasse Dein Gewicht durch die Füße und Yongquan in den Boden sinken.

Du kannst diese Atmung zunächst für 3 Minuten üben (das sind vermutlich ca. 25 Atemzüge, probier es einfach mal aus) –  und dann schrittweise beim nächsten Mal auf 5, auf 8 auf 10 Min. erhöhen… Das ist länger als es sich anhört!

Je länger man steht, desto deutlicher werden die „Lampen“ leuchten, die noch unnötig Energie ziehen – und wenn sich eine meldet (und das wird so sein), dann geh einfach immer wieder im Geiste durch Dein „Castle“ und schalte die brennenden Lampen aus
Immer schön weiter atmen. Das Stehen wird leichter…

Lenke Deinen Blick nach innen, zu Dir hin, in Dein Herz. 
Knipse den Geist aus und tauche für ein paar Minuten ins Yin.

Ich wünsche Euch ganz viel Kraft, Balance und Leichtigkeit!

Die aktuelle Situation und die offensichtliche Unfähigkeit vieler Menschen, mit Langeweile oder Leere umzugehen, ist für mich gerade etwas erschütternd, denn es macht den Eindruck, dass die Menschen den geistigen Ausgleich, die Ruhe und die Wahrnehmung von Leere im Laufe der letzten Jahre völlig verlernt haben. Und dabei ist sie (oder sollte es sein) nicht nur ein natürlicher Zustand und Teil des Ganzen, sondern sogar notwendiger Ausgleich.

Künstler werden es in „fachspezifischer“ Weise kennen: Muse, Inspiration, Kreativität entsteht nur durch sie: Langeweile, Leere, Ungezwungenheit und Absichtslosigkeit – ja geistige Leere!

Der allgemein bekannte Begriff des „Gehirnjogging“ impliziert im übrigen eine durchaus allgemein bekannte Erkenntnis: Das Gehirn, seine Leistung, seine Aufmerksamkeit, Merkfähigkeit und das Fokussieren, lassen sich trainieren. 

Nun weiß aber jeder der irgendetwas trainiert auch: Nach Training (Anspannung) sollte Dehnung (Entspannung) erfolgen. Nach intensiver Beanspruch eine Regenerationspause… 

In den letzten Jahren unserer „Höher-weiter-schneller-Leistungsgesellschaft“ hat sich die Yang-Lastigkeit unseres Lebens auf den Geist auf ganz extreme Weise ausgewirkt:  Wir leben in einer Dauer-Fokus-Schleife, in geistiger Dauer-Leistung, in ständigem „Online-Sein“, in einem Alltag, in dem Kinder „bespaßt“ werden müssen (hallo???), in dem bei Erwachsenen, wenn sie zum Rückzug aufgefordert werden, ein reaktiver Aufschrei der Verzweiflung und des Aktionismus durchs Netz geht – aus lauter Angst vor… was??? 

Warum führt Ruhe und „Langeweile“ plötzlich zu geistiger Unausgeglichenheit (und daraus resultierend sogar zu Gewalt)? Weil wir die geistige Entspannung nicht mehr kennen und einschätzen können?

Woran liegt es denn dann, dass ausgerechnet die Menschen, die exemplarisch hochfokussiert und konzentriert arbeiten (müssen), nämlich die vielzitierten Manager, in den letzten Jahren immer intensiver und verbreitet die Meditation als geistigen „Ausgleichs-Modus“ für sich entdecken? Offenbar wird doch dem einen oder anderen intuitiv klar: Da muss ein Ausgleich her: Wo Informationsflut ist, muss auch mal Leere sein! Wo Dauer-Fokus ist, muss auch mal ein „geisitger Weitwinkel“ das ewige Fokussieren unterbrechen und den Geist „stretchen“, alias entspannen.

Im Grunde ist diese Fähigkeit die grundlegende Übung einer Meditation: Flatline, Weitwinkel… Es ist nicht dasselbe wie schlafen, aber fast, was bleibt ist eine diffuse Wahrnehmung, der Tatsache, dass man da ist – und dass es auch ein „Drumrum“ gibt… nicht mehr und nicht weniger.

Im Qigong und Taiji und nach meiner Wahrnehmung auch im Circle Walking des Bagua Zhang wird zu einem Großteil mit der Aufmerksamkeit, dem Willen, dem Yi gearbeitet, das dem Qi und dem Jing in der Ausführung von Bewegung und Wirkung vorangeht – soweit der gezielte Einsatz, soweit der fokussierte Teil, der mit Intention, sei es präventiver oder therapeutischer (im QiGong) oder auch interaktiver und kämpferischer (im Taiji und Bagua), ausgeführt wird.

Daneben – und das ist die „Kehrseite“, der Ausgleich, der mindestens gleichwertige Bestandteil – gibt es im QiGong und in den Kampfkünsten die ganze Bandbreite von „Neigong“ (innere Arbeit), „stillem QiGong“, den „stehenden Säulen“, dem Circle Walking des Bagua bis hin zur bewegten, stehenden oder stillen Mediation in deren ganzen Vielfalt und Zugangsweise. 

Welchen Ansatz man auch immer in diesem Bereich verfolgt, bevorzugt oder für sich entdeckt, gemeinsam ist diesen „Übungen“ die Wiederentdeckung und Befähigung zur geistigen Divergenz, zur „Wahrnehmungs-Erweiterung“, zur Entspannung. 

Das ist es, was für mich die „martial arts“, die Bewegungskünste, QiGong und Meditation mit der TCM verbindet und mit dem Daoismus. 

Leere und Ausdehnung ist Ausgleich, Notwendigkeit, Voraussetzung für Gesundheit und Integration in die Natur, deren Teil wir sind.

In der TCM ist das oberste Gebot, den Organismus in seiner Fähigkeit zur Selbstregulierung zu unterstützen.
Die „goldene“ (weil ausgewogene) Mitte ist das Ziel – und damit ist jedes Extrem, ob Völlerei oder beim Fasten, zu vermeiden.

Das Fasten gehört zum Yin – und ist damit (oft notwendiger) Ausgleich zum Yang. 
Darin liegt die wichtigste therapeutische Wirkung des Fastens: Das Ausleiten von pathologischer Hitze und Fülle – also z.B. Entzündungen jeglicher Art, Bluthochdruck, Migräne, roten Hautausschlägen u.ä. (und dies sind die Indikationen).

Problematisch wird das Fasten bei Mangel-Zuständen: Kälte, Schwäche (z.B. durch Krankheit), bei erhöhtem Bedarf in der Schwangerschaft und Stillzeit – und bei übermäßiger Aktivität in der Fasten-Phase. Bei Mangel an nachgeburtlichen Energie-Ressourcen wird der Körper auf die vorgeburtliche und essenzielle Energie aus den Nieren (Jing) zurückgreifen – dies schadet ganz substanziell der eigenen Gesundheit! 
Daraus erklärt die TCM übrigens auch das „Hochgefühl“ während einer Fastenkur: Hier wird die essenzielle Energie verbrannt.  

Fallen Fasten und Yang (Aktivität) zeitlich zusammen, gerät der Körper in Stress! Dies beschleunigt den körperlichen Alterungsprozess!
Richtig ist, in der Fasten-Zeit möglichst Anstrengung, Aktivität, Sport, Aufregung u. Stress zu vermeiden, sich zu entlasten, viel zu schlafen, sich Ruhe und Rückzug (am besten durch Urlaub) zu erlauben, um damit tatsächlich dem Körper die Gelegenheit zu geben, sich ins Yin zu vertiefen. Nur dann ist der Körper dazu in der Lage, die Yin-Phase zu nutzen für Zell-Reparaturen, „Hausputz“, Entgiftung, Verdauung (körperliche und geistige) und Regeneration… 

Bevor Sie sich also in den Frühling (und ins Yang) stürzen – nehmen Sie sich eine Auszeit: Eine Yin-Zeit!

Anleitung zum Reis-Fasten (3-8 Tage):
– Auf Kaffee, Alkohol, tierische Nahrungsmittel und Süßigkeiten verzichten
– Morgens und mittags: Reis mit Mung- oder Adzukibohnen, kleine Mengen (bei Hitze auch rohes) Gemüse
– Für Reissuppe (eine echte Heilnahrung!) den Reis mit mehr Wasser, ca. 2 Stunden kochen
– Sparsam würzen! Wenig Salz und etwas kaltgepresstes Olivenöl oder Sesamöl
– Abends gedämpftes Gemüse, Gemüsesuppe (ohne Reis)  oder Rohkost
– Getränke: warmes Wasser, Grüntee (kühlt), Brennnessel-Tee, Löwenzahn-Tee, Maisbart-Tee, Maulbeerblätter-Tee



Für Anfänger ist der „kleine Kreislauf“ eine Herausforderung – und doch lohnt es sich! Warum? Er ist ein kleiner „Tausendsassa“!

  • Der kleine Kreislauf ist grundsätzlich „stilles QiGong“ – und als solches auch ein fließender Übergang vom QiGong hin zur Meditation.
    Er verbindet damit die ganze Bandbreite des QiGong und die Vielseitigkeit der Übungsmöglichkeiten. Und er ist ein sehr guter Indikator für die Qualität und den Fortschritt, an ihm lässt sich meistens deutlich ablesen, wie intensiv und wie lange jemand schon übt. Er verändert sich nicht nur innerhalb einer Übungs-Einheit (von idealerweise 15-30 Wiederholungen) bereits spürbar in der Qualität – er verändert sich im Laufe der Monate und sogar noch über Jahre kontinuierlich. Kaum eine andere Übung macht Qualität und Veränderung so deutlich spürbar.
  • Wie generell beim QiGong ist man völlig unabhängig von jeglichem Zubehör, Ausrüstung, Setting oder Zeitaufwand, da man einfach überall üben kann – und schon mit 5-10 Minuten Zeit merklich davon profitiert! Man kann ihn jederzeit üben, als „Mini-QiGong-Pause“, um sich zu „reseten“, Herz und Atmung (innerhalb von wenigen Minuten) zu beruhigen, zu entspannen und im wahrsten Sinne des Wortes zu zentrieren (auch von der körperlichen Mitte zur geistigen).
  • Damit ist es eine perfekte Vorbereitung zur Meditation!
  • Die Kombination aus Fokussierung und Zentrierung auf die körperliche Mittelachse, tiefer Atmung und fließender Übung gibt einem nicht nur Entspannung (sowohl geistiger als auch des Rückens!) zurück, sondern auch Beweglichkeit und Elastizität. Die Wechselwirkung zwischen geistiger und körperlicher Anspannung ist längst kein Geheimnis mehr, daher macht es Sinn, gerade Rückenschmerzen eben nicht nur durch Gymnastik und Muskeltraining zu begegnen.
  • Prinzipiell gilt im QiGong: Probieren geht über Studieren – es ist wesentlich effektiver, QiGong körperlich durch Übung im wahrsten Sinne zu „begreifen“ – nicht desto trotz ist es für uns „verkopfte Wessis“ durchaus hilfreich zu verstehen, was genau passiert: Siehe Der „kleine himmlische Kreislauf“ (Xiao Zhoutian) – Dennoch: Auch wenn der kleine Kreislauf sicherlich nicht des Anfängers bester Freund sein wird (und das geht vermutlich jedem so!), so lohnt sich doch, ihm einen Vertrauensbonus zu schenken und ihn zu üben, der Lohn folgt verglichen mit anderen QiGong-Übungen zwar etwas später, aber er kommt! Da hilft tatsächlich die typisch „chinesische Didaktik“: Einfach mal dran bleiben und geduldig üben, ganz ohne Fragen und Nachdenken – bis einem „das Licht aufgeht“…

QiGong TCM Ernährung – im Wandel der Jahreszeiten

SA, 28. März 2020, 14:00 – 17:00 Uhr
im Rooftop58  Business & Event Lounge
Hohenzollernring 58, 50672 Köln

Inhalt des Frühlings-Workshops:
QiGong-Übungen für Leber u. Gallenblase, Elastizität & Flexibilität,  Geduld & Gelassenheit
TCM-Grundlagen zu den Organen, deren Funktionen und den Meridianen
Ernährung nach den „5 Elementen“ und Bezug zur Natur und Jahreszeit
Tee-Tasting:  Mit chinesischem Tee die Leber, Entgiftung und Stoffwechsel unterstützen

Im runden Konzept der TCM zur Prävention und„Lebenspflege“ findet jeder seinen Einstieg – und Inspiration für den nächsten Schritt in Richtung naturgemäßer, ressourcen-verantwortlicher Lebensweise… 

Wenn der Winter Abschied nimmt,
werden die Tage heller… 
– aus Yin entsteht Yang!

Altes rausschmeißen und Platz für Neues schaffen, 
nicht nur körperliches, sondern auch geistiges „Entgiften“, 
das Austreiben und Entfalten mit frischer Energie
und damit der Drang zu neuem Wachstum!
Das Element Holz braucht Platz – und Geduld…

Kosten: € 58,- 
Anmeldung an: info@ qihai. de 
Teilnehmerzahl begrenzt! Nur 10 Plätze verfügbar!


Das chinesische Neujahr ist der Wechsel des Mondjahres am zweiten Neumond nach der Wintersonnenwende, meistens zwischen den 21. Januar und 21. Februar – dieses Jahr am 25.01.2020. Es beginnt das Jahr der Metall-Ratte.

In China zählt das Neujahrsfest zu den größten und wichtigsten Feiertagen des Jahres. Millionen Menschen reisen zu ihren Familien, und für viele ist es der einzige Urlaub im Jahr.  Die Feierlichkeiten in China dauern 15 Tage und enden mit dem Laternenfest, dieses Jahr am 8. Februar.

Der chinesische Kalender folgt einem 60 Jahre Zyklus: 12 Tierkreiszeichen und 5 Elemente (die jeweils 2 Jahre „im Amt“ bleiben). Im Anschluss an das Jahr der Metall-Ratte kommt das Jahr des Metall-Büffels – dann kommt der Wechsel zum Element Wasser und zum Tiger.

Die Ratte ist das erste der 12 Tierkreiszeichen, daher wird es als ein Jahr für Neubeginn und Erneuerung betrachtet, ein gutes Jahr für Gründung und Entwicklung. Die Ratte ist Beschützerin und Wohlstandsbringerin. Doch man muss das Glück ergreifen, wenn es an die Tür klopft. Wenn man daran zweifelt, erschreckt man es. Um ein gutes Jahr zu haben, sollte man an Neujahr essen, was die Ratte mag, z.B. Nüsse und Käse. – Und Kuchen:

Neujahrs-Kuchen (Chinesischer Klebreiskuchen)
Zutaten:
400 g Klebreismehl, 400 ml Milch, 200 g Zucker, 3 Eier, 100 ml Pflanzenöl
Ofen auf 175°C vorheizen.
Klebreismehl, Milch, Zucker, Eier und Pflanzenöl in eine große Schüssel geben, alles mit dem Handrührgerät auf mittlerer Stufe 2-3 Min. zu einem glatten Teig verrühren, in eine Auflaufform geben und ca. 30 – 35 Min. backen. Der Kuchen ist fertig, wenn die Oberfläche goldbraun ist und bei der Stichprobe kein Teig kleben bleibt.

Frohes Neues Jahr!
Bleiben Sie gesund!


Unsere Großeltern wussten noch, dass Kohl nicht nur ein beliebtes und sehr gesundes Wintergemüse ist, sondern dass er auch äußerlich angewendet Gutes tut, zB. bei Gelenkschmerzen. Wer unter Gelenkschmerzen leidet, bedingt durch Arthrose oder Rheuma, dem wird der Wickel als altes Hausmittel nicht unbekannt sein. Es gibt dazu eine ganze Reihe von Rezepten und Wirkstoffen, die hierbei zur Anwendung kommen. 

Allerdings sollte man neben der entzündungs- bzw. schmerzlindernden auch deren thermische Wirkung beachten. Gelenkschmerzen haben eine „böse“ Saison: Der Winter. Die allermeisten Betroffenen kennen das. Wenn sich aber Gelenkschmerzen im Winter tendenziell verschlimmern bzw. überhaupt äußern und im übrigen die Betroffenen durchaus nicht das intuitive Bedürfnis nach Kälte haben, dann macht es sicherlich auch keinen Sinn zu kühlen! Denn: Kälte stellt die Gefäße eng und behindert damit die Durchblutung, und damit steht sie der Heilungskraft des Körpers (die ja u.a. auf die Durchblutung basiert) im Weg. Eine Entzündungsreaktion (deren 5 Zeichen: Rötung, Wärme, Schwellung, Schmerz und Funktionsstörung) ist ja letztlich Zeichen des körpereigenen Abwehrkampfes. Wo der Körper mehr Blut hinschickt, da will er kämpfen bzw. heilen, und da wird es notfalls auch rot, dick, warm und schmerzhaft… Will man den Körper bei seiner Selbstheilung unterstützen, sollte man die Durchblutung nicht behindern, sondern unterstützen – viele entzündungshemmende Wirkstoffe tun das auch!

Aus der Sicht der TCM sind die allermeisten Gelenkschmerzen auf das sog. „Bi-Syndrom“ zurückzuführen. Schmerz bedeutet Qi- und/oder Blutstagnation. Das Bi-Syndrom entsteht durch einen Mangel an Qi und Blut, durch den Wind und Kälte in den Körper eindringen kann. Kälte/Kühlung ist also hier absolut kontraindiziert! Es würde den Schwächezustand noch verschlimmern. Vor diesem Hintergrund ist auch der häufig empfohlene Quarkwickel eigentlich keine gute Idee, da er kühlt. (Quark und Joghurt sind eher bei Hitze-Geschehen indiziert, also zB zur Linderung von Sonnenbrand, Verbrennung oder hitzebedingten Hautausschlägen). Sinnvoll bei Gelenkschmerzen sind schmerzstillende und entzündungslindernde, aber durchblutungsfördernde Wickel – und da kommt der Kohl ins Spiel: Kohl enthält Flavanoide und Senfglycoside, und diese wirken entzündungslindernd und durchblutungsfördernd. 

Die Carstens-Stiftung hat eine Studie der Kliniken-Essen-Mitte gefördert, die die Wirkung von Kohlwickeln bei Knie-Arthrose untersucht hat. Patienten mit Kniearthrose im Stadium II-III wurden in drei Gruppen geteilt und vier Wochen lang täglich entweder mit Kohlwickeln, einem Diclofenac-Gel bzw. ihrer bisherigen Routine-Therapie behandelt. Nach vier Wochen stellten die Wissenschaftler fest, dass sich die Schmerzintensität im Vergleich zur Routinebehandlung deutlich reduziert hatte. Auch die Beweglichkeit des Kniegelenks und die Lebensqualität verbesserte sich. Der schmerzlindernde Effekt des Kohls erwies sich als dem Schmerzgel gleichwertig (kommt aber immerhin ohne Nebenwirkungen aus!). Auch bei der 2. Untersuchung nach 12 Wochen war noch immer eine Verbesserung der Lebensqualität festzustellen. (s. auch: Lauche et all, Efficacy of cabbage leaf wraps in treating symptomatic osteoarthritis of the knee – a randomized controlled trial, The Clinical Journal of Pain, 11/2016, 961 ff.)

Anwendung: Aus den frischen, grünen Kohlblättern (am besten Wirsing, alternativ Weißkohl), den mittleren Strunk rausschneiden, um Druckstellen zu vermeiden, auf Frischhaltefolie auslegen und mit einer Glasflasche walzen, bis der Saft austritt (ein Nudelholz nimmt den Saft auf), die Blätter wie Dachziegel um das Knie legen und mit der Folie umwickeln (damit der Saft nicht vom Wickel aufgesogen wird), darüber eine Mullbinde wickeln und das Ganze (falls vorhanden mit einer elastischen Binde) fixieren. Am besten über Nacht einwirken lassen und mehrere Tage wiederholen. Gute Besserung!

Wenn der Herbst zu uns kommt, bringt er Wind und Kälte mit und damit u.U. die erste Erkältung – und das Weihnachtsgebäck… Im Zeitalter von „Superfoods“ und dem Hype um Nahrungsmittel und Ernährungsberatung schleichen sich aber leider immer wieder Halbwahrheiten ein, die sich rasend verbreiten und hartnäckig halten – eine davon betrifft ein beliebtes Gewürz, das aus unseren Küchen kaum noch wegzudenken ist und bei uns eigentlich zu den Weihnachtsgewürzen gehört: Den Ingwer.

Zunächst mal: Es hat einen Grund, dass Ingwer (neben Zimt, Kardamon, Nelken, Orangenschalen usw.) zu unseren Weihnachts- und Plätzchen-Gewürzen gehört. Denn all diese Gewürze wärmen! Und gehören daher jahreszeitlich zu Herbst und Winter. Und wie das oft so ist: Ihre Wirkung zeigt sich nicht nur auf körperlicher Ebene, sondern bekanntermaßen auch psychisch, nämlich „stimmungsaufhellend“ – also passend für die „dunkle Jahreszeit“. Wer fühlt sich (beim Anblick des Sauwetters da draußen) vom Duft nach Weihnachtsplätzchen nicht getröstet?
Es macht also Sinn, sich – gern auch über den Umweg der TCM und der Wandlungsphasen oder der „Ernährung nach den 5 Elementen“ – wieder auf das Leben nach den Jahreszeiten zu besinnen. Sowohl hinsichtlich des Lebenswandels (schließlich muss es nach dem Sommer, der Aktivität, der „Outdoor-Zeit“, auch eine Zeit des Rückzugs, der Ruhe und der Regeneration geben) als auch durch eine (einheimische!) saisonale Ernährung, und dazu gehören im Herbst und Winter z.B. alle Wurzelgemüse, alle Kohlsorten, Kürbis, Äpfel u. Birnen, Nüsse, Trockenfrüchte… All das war vor noch 100 Jahren oder zu Zeiten unserer Großeltern eine Selbstverständlichkeit – wir entdecken diese Weisheit erst viel später wieder – aber eher weil wir uns fragen, ob es wirklich vertretbar ist, eine Erdbeere mitten im Winter quer über den Erdball zu fliegen…
Zurück zum Herbst und Winter: In der kühlen Jahreszeit steigt das Risiko für die erste Erkältung: Kälte dringt in den Körper ein und tangiert die Lungenfunktion (die maßgeblich für das „Wei-Qi“, das „Abwehr-Qi“ unserer Haut verantwortlich ist). Hier ist Ingwer oder Zimt angesagt, um durch kurzfristiges Anwärmen und Schwitzen die Körper-Oberfläche von Wind und Kälte zu befreien, die Erkältung also direkt am Anfang und an der Oberfläche wieder „rauszuwerfen“ aus unserem Körper. Wer also kalte Hände und Füße hat oder erste Erkältungssymptome wie Halsweh, Niesen, Kopfschmerzen o.ä., der kann in diesem Frühstadium eine Erkältung mit Ingwertee wirksam abwehren.
Der scharfe Geschmack gehört zum Element Metall, damit zum Herbst und zur Lunge. Er erhöht die Atmung und reizt die (Nasen-)Schleimhäute. Zudem haben die ätherischen Öle von Ingwer und auch Zimt durchblutungsfördernde, antivirale und antibakterielle Wirkung.
In der TCM wird noch einmal bewusst zwischen frischem und getrocknetem/gemahlenem Ingwer unterschieden: Sheng Jiang (Zingiberis rhizoma recens) ist der frische Ingwer.

„Temperatur“ nach TCM: warm, Geschmack: scharf
Funktionskreise: Lunge (auch Abwehrkraft) , Milz/Magen (Verdauung), Herz

Er ist wärmend, kräftigend und entgiftend.

Indikationen:
Ingwer wirkt wärmend, schweißtreibend, krampflösend, antiseptisch, durchblutungs- und verdauungsfördernd:
* Zum Erwärmen bei beginnender (!) Erkältung (Wind-Kälte), für eine frühe Abwehr,
* zur Stimulation des Atems und des Herzens,
* bei Übelkeit, Erbrechen (auch bei Reiseübelkeit/Seekrankheit, Schwangerschaftsübelkeit, in der Onkologie (Patienten, die durch die Übelkeit während einer Chemotherapie und dadurch mangelnde Ernährung noch zusätzlich geschwächt werden! Hier hilft Ingwer mindestens so gut wie übliche Antiemetika, jedoch ohne Nebenwirkungen). Oft reicht es schon, sich eine Scheibe frischen Ingwer nur auf die Zunge zu legen, um den Magen zu beruhigen,
* zur Erwärmung und Anregung der Verdauung im Magen,
* aber auch bei Magen-Darm-Infekten (ua. durch seine antibakterielle/antivirale Wirkung),
* sowie äußerlich (als Wickel oder noch besser als Bad) angewendet wirkt Ingwer entzündungshemmend und schmerzlindernd insbesondere bei Arthritis, rheumatischen Erkrankungen, u.a.!
Außerdem hemmt er die Thrombozytenaggregation und ist damit auch „blutverdünnend“.

Kontraindikationen:
Durch seine wärmende Wirkung sollte Ingwer nicht bei Hitze-Zuständen oder Yin-Mangel verwendet werden!
Bei fortgeschrittener Erkältung mit Fieber, Hitze, Durst und Röte ist Ingwer bereits absolut kontraindiziert – es wäre als würde man Öl ins Feuer gießen.
Ebenso bei Hitzezeichen wie starkes Schwitzen/Nachtschweiß, brennende Schmerzen im Oberbauch, Reflux/Magensäure, Gastritis (Magenschleimhautentzündung), Verlangen nach kalten Getränken, Unruhe und Schlafstörungen oder Hitzezeichen/Ausschlägen/Rötung auf der Haut.
Zudem ist Ingwer leicht blutdrucksteigernd!
In der Schwangerschaft ist besondere Vorsicht geboten: Einerseits hilft frischer Ingwer in Maßen gegen die Übelkeit in der Frühschwangerschaft – andererseits wirkt Ingwer u.U. wehenfördernd.

Die getrocknete Ingwerwurzel – Gan Jiang (Zingiberis rhizoma) wird in der TCM noch einmal getrennt betrachtet. Hier wirkt er stärker und noch konzentrierter (u. stärker wärmend) als frischer Ingwer – und sollte daher mit Vorsicht verwendet werden.

Mittlerweile hat man herausgefunden, dass Ingwer auch erhöhte Blutzuckerwerte regulieren – und damit in der Diabetes-Therapie Anwendung finden kann . Dabei können Ingwer-Extrakte die Aufnahme von Glukose in die Muskeln auch unabhängig von einer Insulingabe unterstützen. Da bei Diabetes Typ 2 die Glukoseaufnahmefähigkeit der Muskulatur aufgrund einer gestörten Insulin- Signalübertragung reduziert ist, lässt sich hier mit Ingwer offenbar die Aufnahme von Glukose vom Blut in die Muskeln fördern und der Blutzuckerspielgel reduzieren. (Klinische Studien hierzu stehen aber noch aus.)

Übrigens: Pfefferminz und Zitrone wirken kühlend! Zitronensaft ist also bei einer nahenden Erkältung aus Sicht der TCM völlig kontraindiziert!
Und wie immer gilt auch hier: Vorsicht und Balance. Die Dosis macht das Gift.

Für diejenigen unter Euch, die a) gerade gern Mandarinen essen, b) gern Tee trinken und c) Anzeichen von Verdauungsschwäche, Feuchtigkeit und Schleim zeigen… – so einfach kann man sich gerade seine Heilkräuter selbst herstellen: 
Bio-Mandarinen kaufen, vor dem Verzehr waschen, Schalen ausgebreitet gut trocknen lassen und in einer Keks- oder großen Tee-Dose trocken und dunkel lagern.

-> Chen pi – die reife Mandarinenschale (Citrus reticulata pericarpium): 
In China werden sie als Gewürz oder Heilpflanze für Suppen und Eintöpfe, Desserts und Tees verwendet.

Eigenschaften:
Thermik: warm
Geschmack: scharf, bitter, aromatisch
Organbezug: Lunge, Leber, Milz & Magen
Sie reguliert das Qi, tonisiert die Milz, unterstützt die Verdauung und
sie trocknet Feuchtigkeit und klärt übermäßigen Schleim

Kontraindikationen:
bei trockenem Husten und Qi- oder Yin – Mangel
krampfartigen Bauchschmerzen, Hitze oder Trockenheit.

*Getrocknete Schalen sind grundsätzlich stärker in der Wirkung als frische!