Dao de Jing, Kap. 11, Laozi (Bild zum Blog, QiHai TCM & QiGong, Köln, Nicola Maureder)

Die aktuelle Situation und die offensichtliche Unfähigkeit vieler Menschen, mit Langeweile oder Leere umzugehen, ist für mich gerade etwas erschütternd, denn es macht den Eindruck, dass die Menschen den geistigen Ausgleich, die Ruhe und die Wahrnehmung von Leere im Laufe der letzten Jahre völlig verlernt haben. Und dabei ist sie (oder sollte es sein) nicht nur ein natürlicher Zustand und Teil des Ganzen, sondern sogar notwendiger Ausgleich.

Künstler werden es in „fachspezifischer“ Weise kennen: Muse, Inspiration, Kreativität entsteht nur durch sie: Langeweile, Leere, Ungezwungenheit und Absichtslosigkeit – ja geistige Leere!

Der allgemein bekannte Begriff des „Gehirnjogging“ impliziert im übrigen eine durchaus allgemein bekannte Erkenntnis: Das Gehirn, seine Leistung, seine Aufmerksamkeit, Merkfähigkeit und das Fokussieren, lassen sich trainieren. 

Nun weiß aber jeder der irgendetwas trainiert auch: Nach Training (Anspannung) sollte Dehnung (Entspannung) erfolgen. Nach intensiver Beanspruch eine Regenerationspause… 

In den letzten Jahren unserer „Höher-weiter-schneller-Leistungsgesellschaft“ hat sich die Yang-Lastigkeit unseres Lebens auf den Geist auf ganz extreme Weise ausgewirkt:  Wir leben in einer Dauer-Fokus-Schleife, in geistiger Dauer-Leistung, in ständigem „Online-Sein“, in einem Alltag, in dem Kinder „bespaßt“ werden müssen (hallo???), in dem bei Erwachsenen, wenn sie zum Rückzug aufgefordert werden, ein reaktiver Aufschrei der Verzweiflung und des Aktionismus durchs Netz geht – aus lauter Angst vor… was??? 

Warum führt Ruhe und „Langeweile“ plötzlich zu geistiger Unausgeglichenheit (und daraus resultierend sogar zu Gewalt)? Weil wir die geistige Entspannung nicht mehr kennen und einschätzen können?

Woran liegt es denn dann, dass ausgerechnet die Menschen, die exemplarisch hochfokussiert und konzentriert arbeiten (müssen), nämlich die vielzitierten Manager, in den letzten Jahren immer intensiver und verbreitet die Meditation als geistigen „Ausgleichs-Modus“ für sich entdecken? Offenbar wird doch dem einen oder anderen intuitiv klar: Da muss ein Ausgleich her: Wo Informationsflut ist, muss auch mal Leere sein! Wo Dauer-Fokus ist, muss auch mal ein „geisitger Weitwinkel“ das ewige Fokussieren unterbrechen und den Geist „stretchen“, alias entspannen.

Im Grunde ist diese Fähigkeit die grundlegende Übung einer Meditation: Flatline, Weitwinkel… Es ist nicht dasselbe wie schlafen, aber fast, was bleibt ist eine diffuse Wahrnehmung, der Tatsache, dass man da ist – und dass es auch ein „Drumrum“ gibt… nicht mehr und nicht weniger.

Im Qigong und Taiji und nach meiner Wahrnehmung auch im Circle Walking des Bagua Zhang wird zu einem Großteil mit der Aufmerksamkeit, dem Willen, dem Yi gearbeitet, das dem Qi und dem Jing in der Ausführung von Bewegung und Wirkung vorangeht – soweit der gezielte Einsatz, soweit der fokussierte Teil, der mit Intention, sei es präventiver oder therapeutischer (im QiGong) oder auch interaktiver und kämpferischer (im Taiji und Bagua), ausgeführt wird.

Daneben – und das ist die „Kehrseite“, der Ausgleich, der mindestens gleichwertige Bestandteil – gibt es im QiGong und in den Kampfkünsten die ganze Bandbreite von „Neigong“ (innere Arbeit), „stillem QiGong“, den „stehenden Säulen“, dem Circle Walking des Bagua bis hin zur bewegten, stehenden oder stillen Mediation in deren ganzen Vielfalt und Zugangsweise. 

Welchen Ansatz man auch immer in diesem Bereich verfolgt, bevorzugt oder für sich entdeckt, gemeinsam ist diesen „Übungen“ die Wiederentdeckung und Befähigung zur geistigen Divergenz, zur „Wahrnehmungs-Erweiterung“, zur Entspannung. 

Das ist es, was für mich die „martial arts“, die Bewegungskünste, QiGong und Meditation mit der TCM verbindet und mit dem Daoismus. 

Leere und Ausdehnung ist Ausgleich, Notwendigkeit, Voraussetzung für Gesundheit und Integration in die Natur, deren Teil wir sind.