Was wir gerade erleben ist eine Situation, die unendlich viel Kraft abverlangt. Und es ist der sprichtwörtliche „Übergang zu etwas Neuem“, die im „Jahr der Ratte“ zu erwartende Erneuerung – und damit verbunden der Abschied von Vielem, was nicht mehr gut für uns ist…

Wir kennen die Situation im Kleinen von bereits erlebten kleinen „Umwälzungen“, etwa, wenn wir umziehen. Plötzlich sind Freunde, auf die man im Umzug fest gezählt hätte, unverhofft nicht mehr da – und dafür sind plötzlich andere Menschen da, mit denen man gar nicht gerechnet hätte… 

So ist es auch jetzt gerade, und das klingt jetzt ein bisschen nach Ansprache vom Bundespräsidenten, aber tatsächlich: In der Krise lernen wir das Beste und das Schlechteste im Menschen kennen – in uns selbst und in anderen. Pötzlich treten Dinge ganz deutlich zu Tage, die vorher gar nicht so sichtbar waren. Aber wir lernen auch neue Fähigkeiten an uns kennen – und alte Werte ganz neu: Solidarität, Hilfsbereitschaft, Verantwortungsgefühl, Geduld, Respekt…

Aber die Krise ist eben auch eine Chance – doch aus ihr kommen wir nur heraus, wenn wir uns auf die Lösung konzentrieren, nicht auf Schuld, auf die Fähigkeiten, nicht die Fehler, auf das was möglich ist, nicht das was gerade schief läuft oder nicht funktioniert. Menschen, die in der Not fokussieren und aus der Krise herausfinden, konzentrieren sich auf Notwendigkeit, Möglichkeit und Machbarkeit und lernen so mit ihren Ressourcen umzugehen. Es ist einb bisschen so, als müsste man als Laufanfänger plötzlich einen Marathon laufen: Um das zu schaffen, das wird jeder Läufer wissen und bestätigen, muss man lernen, seine Kraft weise einzuteilen!

Deshalb ist, glaube ich, gerade das drigend Notwendige gerade jetzt die eigene Balance, aber auch der achtsame Umgang mit Kraft und Ausdauer. 
Das erinnert mich ganz plastisch an eine der grundlegenden Übungen im Taiji, Bagua und Qigong, an die „stehenden Säulen“, daher möchte ich hier eine „Mini-Anleitung“ dazu bzw. zum stehenden Meditieren in Erinnerung rufen bzw. als „Challenge“ in den Raum stellen, eine kleine Möglichkeit, zu eigener Balance und Mitte, aber insbesondere zu neuer innerer Kraft zu finden.

Es geht also nicht darum, einen Marathon zu laufen, sondern im Gegenteil darum zu stehen – lange zu stehen, und sich zu zentrieren – und dennoch wird es darum gehen, sich seine Kraft gut einzuteilen, neue zu finden und zu mobiliseren und möglichst keine zu verschwenden.

Daher gehen wir ganz systematisch und ziemlich pragmatisch vor – bitte zunächst lesen, dann ausprobieren:

1. Wer stehen will, muss auf seine Füße achten!
Stehe möglichst im hüftbreiten Stand, dh.,Hüftgelenke, Knie und Füße stehen genau übereinander und damit die Beine genau parallel. Das ist wichtig! Stehst Du zu eng, wirst Du Kraft darauf verschwenden, auf Dauer die Balance zu halten, stehst Du zu breit, wird (und das ist simple Vektorrechnung und Schwerkraft) der verlängerte Weg der Schwerkraft außerhalb Deiner Mitte Dich auf Dauer „runter ziehen“ und schwer machen. Im hüftweiten Stand aber kannst Du Dein Gewicht auf dem kürzesten Weg in den Boden abgeben. Der leichteste Stand ist somit der hüftweite Stand – und das kannst Du an jeder Bahnhaltestelle, Supermarktkasse o.ä. gerne immer wieder ausprobieren, indem Du die Standweite änderst und vergleichst: Wann stehe ich lange mühelos?

OK, dieser hüftweite Stand ist nur die erste Dimension, was die Füße angeht: Die zweite ist die Fußachse selbst: Stehst Du über dem Fußgewölbe – also über dem vielzitierten Punkt Ni1 (Yongquan)? Überprüfe es, indem Du schaukelst und zur Mitte kommst: Erst auf die Vorderfüße verlagern – das ist auf Dauer anstregend, denn es erfordert Gegenleistung, um nicht zu kippen… Dann auf die Fersen verlagern – und da macht sich ein deutlich spürbarer Zug an der Wirbelsäule nach unten bemerkbar, als hätte man Gewichte aufgeladen, der Rücken wird plötzlich sehr schwer werden – was sich sofort wieder bessert, wenn man wieder zur Mitte hin verlagert, zurück über das Fußgewölbe, und über Yongquan steht. 

Übrigens nicht nur hinsichtlich der Längsachse des Fußes: Sowohl das Einknicken des Fußes zur Mitte hin als auch das Verlagern auf die Außenkante der Füße kostete Kraft, um die Position zu halten! Eine Ausrichtung über der Mittelinie des Fußes aber bringt den Fuß in die tatsächliche Nullstellung, die ohne „Gegenregulierung“ auskommt. Sind die Füße „im Lot“ und muskulär trainiert, ist dies mühelos möglich – und falls es Mühe macht, lohnt es sich, diese „Baustelle“ für die Zukunft einmal genauer zu betrachten…

Schau Dir ruhig Deine Füße mal an – man darf sehr gern nach unten sehen dabei! Stehen sie hüftbreit? Gerade nach vorne ausgerichet, ohne Außenrotation? Liegt Dein Schwerpunkt über dem Fußgewölbe bzw. Yongquan? Dann ist das „Fundament“ fürs Stehen gesetzt. Die Füße sind der Kontakt zu Erde und unser einziger „fester“ Punkt, auf dem wir aufbauen – alles was darüber kommt und auf „schlechten Füßen“ steht, wird nicht lange halten…

2. Getreu dem Motto „von unten nach oben“ gehts jetzt zu den Knien: Sind die locker? Oder durchgedrückt? Was passiert, wenn sie durchgedrückt sind? Eine Haltung mit Hohlkreuz. Löst man die „eingerasteten“ Knie wieder und lässt sie locker, lockert sich auch das Hohlkreuz – und macht eine Haltung „im Lot“ erst möglich, was zu Entspannung führt. Und Entspannung beinhaltet Mühelosigkeit – und die brauchen wir gerade.

3. Weiter gehts nach oben – zur Hüfte. Wir suchen wieder die Nullstellung: Lege Deine Hände flach auf die Leisten und kippe das Becken nach vorne, als wolltest Du sitzend einen Stuhl zum Tisch vorziehen. Wenn Du unter den Händen das Anspannen der Muskeln spürst, hast du die Nullstellung nach vorne verlassen – und vergeudest Kraft, die Du einsparen wolltest. Kippe das Becken wieder nach hinten, bis die Muskelspannung nicht mehr spürbar ist. Wenn Du weiter nach hinten kippst (so als wolltest Du sitzend den Stuhl wieder vom Tisch weg schieben), wirst Du die Spannung auf dem Kreuzbein spüren – auch die ist nicht hilfreich, also zurück zur Mitte. Da, wo nach dem Vor- und Zurückkippen des Beckens weder vorne noch hinten Spannung spürbar ist, ist die gesuchte Nullstellung, die „Energiesparstellung“.

Die 4 bringt Unglück, die überspringen wir mal 😉

5. Vom Becken aus machst Du einen Abstecher zum unteren Dantian, zum Unterbauch. 
Lege Deine Hände beide übereinander auf den Unterbauch und versuche für mindestens 5-6 Atemzüge so tief zu atmen, dass die Atmung bis unter Deine Hände kommt. Das ist tief – und seeeehr langsam. Die Dantian-Atmung ermöglicht es Dir, im Laufe einer Qigong-Übung die Atemfrequenz von „normal“ 12-16 Atemzügen auf ca. 6-8x/Minute zu reduzieren – und dabei nicht nur die gesamte Atemhilfsmuskulatur (Rippen, Zwerchfell…) mit einzubeziehen, sondern vor allem das vollständige Lungenvolumen zu nutzen und zu ventilieren (was der Inbegriff von Prävention für gesunde Lungen ist!), sondern den ganzen Körper durch diese effektive Atmung bestmöglich mit Sauerstoff zu versorgen! Da wir ohne nicht können 😉  lohnt sich das Optimieren dieses Vorgangs…

6. Weiter gehts nach oben: Zum Brustbein. In den „martial arts“ ist die Haltung mit „rundem“ Brustkorb ein weit verbreiteter Anblick – aber nicht nur da: Wer sich aufmerksam umsieht, wird feststellen, dass die allermeisten gerade in der Brustwirbelsäule schon die aufrechte Haltung vermissen lassen und im Alltag die meiste Zeit in der Haltung „einsinken“ – und damit auch hier ihre mittige Haltung aufgeben, aus dem Lot geraten und damit ihre Wirbelsäule einseitig belasten! Diese Abweichung von der physiologischen Haltung bringt gerade in Bezug auf die Brustwirbelsäule die Verspannungen zwischen den Schulterblättern mit sich, die die meisten sehr gut kennen, nur schwer wieder loswerden und sich beim Physiotherapeuten mühsam los-therapieren lassen… Um die BWS und zwangsläufig damit auch die Schultern in eine entspannte und mühelose Stellung zu bringen, suchen wir wieder die Nullstellung: Stell dir vor, auf Deinem Brustbein ist ein „Aufhänger“, an dem Du Dich nach oben ziehen kannst. Indem Du Dein Brustbein hochziehst, fallen die Schultern automatisch seitlich runter und in ihre eigene Nullstellung – so wie auch der Rest der BWS. So als würde man eine „verkantete“ Marionette kurz ausschütteln und wieder locker aufstellen. Brustbein hoch, Schultern fallen lassen, Brustkorb locker, Körperschwerpunkt in der Mitte… 

7. Die höchste Stelle des Körpers, der höchste Akupunkturpunkt und neben Yongquan weiterer wichtiger Bezugspunkt im Qigong und Bagua ist Baihui (Dumai 20). Das ist nicht in der Mitte oben auf dem Kopf, sondern von der Mitte etwas nach hinten versetzt. Man findet den Punkt, wenn man mit den Daumen in seine oberen Ohrspitzen einhakt und die Mittelfinger auf dem Kopf zusammenführt. Da wo die sich treffen, ist  bei geradem Stand die höchste Stelle am Kopf – und eine kleine spürbare „Delle“, die man sich gern bei Kopfspannung massieren kann (und von vielen Orthopäden sehr gern akupunktiert wird, da sie eine beruhigende Wirkung hat). Stelle Dir nun vor, an diesem Punkt knüpft ein Faden an, der Dich stetig sanft nach oben zieht und aufrichtet. Lass diesen Punkt immer wieder nach oben schweben und den gesamen Körper daran aufrichten und zum Himmel ziehen! Vermutlich wirst Du in diesem Moment gefühlt 1-2 cm länger werden und zum Himmel wachsen – und so soll es sein!

8. Jetzt bist Du durch Deinen Körper gegangen und hast die wichtigsten „Energiefresser“ geprüft und „auf Null gestellt“. Es ist, als würdest Du durch Deinen Körper gehen wie durch Deine Wohnung, um in allen Zimmern die Lampen auszuschalten, die nicht benötigt werden. 
So banal das klingt: Im Alltag, in der Wohnung, beim Heizen, beim Autofahren, überall denken wir daran, Energie einzusparen – nur nicht bei uns selbst! Das ist unvernünftig! 
Wenn Du also im Alltag, bei Anstrengung, Stress oder auch nur mitten in Deiner QiGong-Stunde immer wieder mal in Erinnerung rufst „Lichter aus!“ und kurz durch Deinen Körper gehst und checkst, ob irgendwo eine Lampe brennt, die Du nicht brauchst, ein Gelenk blockiert ist, ein Muskel unnötig angespannt ist, dann ist das die effektivste „Energiesparmethode“, die ich kenne: denkbar einfach, verblüffend mühelos und respektvoll. Sinnvoller kann man Körperwahrnehmung nicht einsetzen.

9. Soweit die „Startposition“ – jetzt kommt das „Go!“: Verbinde alle diese Punkte durch Deinen Körper.
Hände liegen weiterhin auf dem Unterbauch.
Mit dem Einatmen den obersten Punkt Baihui noch ein Stückchen zum Himmel ziehen und tief ins Dantian atmen –
mit dem Ausatmen lasse Dein Gewicht durch die Füße und Yongquan in den Boden sinken.

Du kannst diese Atmung zunächst für 3 Minuten üben (das sind vermutlich ca. 25 Atemzüge, probier es einfach mal aus) –  und dann schrittweise beim nächsten Mal auf 5, auf 8 auf 10 Min. erhöhen… Das ist länger als es sich anhört!

Je länger man steht, desto deutlicher werden die „Lampen“ leuchten, die noch unnötig Energie ziehen – und wenn sich eine meldet (und das wird so sein), dann geh einfach immer wieder im Geiste durch Dein „Castle“ und schalte die brennenden Lampen aus
Immer schön weiter atmen. Das Stehen wird leichter…

Lenke Deinen Blick nach innen, zu Dir hin, in Dein Herz. 
Knipse den Geist aus und tauche für ein paar Minuten ins Yin.

Ich wünsche Euch ganz viel Kraft, Balance und Leichtigkeit!